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Mai 22

Am Barther Bodden oder ein Stück Glück

Wie fange ich an? Würde ich noch rauchen, wäre jetzt sicherlich der Moment wo ich genüsslich mir eine Zigarre oder ein Pfeifchen angesteckt hätte. Denn immer wenn ich beim Angeln von dieser lauten Ruhe umgeben war, hatte diese zugegebene Weise „schlechte“ Eigenschaft von mir Besitz ergriffen.
Mit lauter Ruhe war die Gesamtkulisse gemeint, das Geschrei der Möwen, leises Tuckern eines Hilfsmotors einer Segelyacht, metallische Schläge aus einer Reederei irgendwo im Hafen von Barth, das Signalhorn der Fähre die nach Zingst fuhr und dem ungeduldigen schniefen meines Sohnemann’s.
Da ich selbst am Wasser wohne, sollte dieser eigentlich einfachste Eindruck routiniert sein.
Doch hier am Bodden von Barth, schwingt ein eigenes Flair mit welches jedes Jahr eine gewisse Vorfreude und Fernweh auslöst, wohl bemerkt wohne ich biblich schön am See.
Sohnemann kündigt den kapitalsten Barsch an seiner Rute an, um dann eine galaktisch große schöne Rotfeder in den Händen zu halten. Stolz wie Bolle (wer auch immer das war) ist er auf diesen Fang der in seinen Kinderhänden sich windet und ebenso stolz bin ich auf meinen „Großen“.
Nur allzu gut habe ich diese Mischung aus Überraschung, Ungeduld und Spannung in Erinnerung, welche mich als Petrijünger stets übermannte.
Fast überrasche ich mich selbst, wie ich auf etwas Außergewöhnliches an meiner Rute nach diesem Augenblick hoffe.Doch genau Hoffnung ist das magische Wort welches einen richtigen Angler ausmacht.


Im Barther Angelshop wurde den Typen mit dem Berliner  Dialekt der Ausgang von Wattwürmern verkündet. „ Leute, heute ham’se mich leergekauft!“ die letzten Würmer verschwanden im Beutel der Berliner. „Ick globe dett sogar, wenn ick mir die janzen Nummernschildar uff da Autobahn anjekiekt habe, die hier nuff karren“
„Oooch nöö “ war meine zugegeben überspitzte Reaktion auf den Watti-Ausverkauf.
Warum auch immer, ich hatte ja gar nicht vor welche zu kaufen, meine Platten hole ich mir mit gefrorenen Meeresfrüchten am Paternoster und der Silberbarren will auch tausend Würfe, bevor er oder besser „Sie“ auf den rostigsten und billigsten Wobbler beißt nachdem  Spöket und Co missachtet wurden.Es sit bei mir fast immer so!
Naja und im April ist noch genug Hering unterwegs um sie auf Ohrenhöhe in sich hinein zu stopfen. Also Schneider zu werden an der Ostsee bedarf schon sehr viel Ungeschick.
So lies ich mir 2 Packungen „Rote“ und „Kanadier“ geben. Beide Würmer sind zu Hause an „unserem“ See, ein Garant auf Abendbrot mit reichlich Omega 3 Fettsäuren.
Mit diesen Packungen erwünschter Fanggarantie und „watt willste damit?“, haben wir zwei Männer unser Boddenangeln begonnen.

Natürlich an einem streng geheimen Abschnitt vom Bodden, den wir unter Indianerverschwiegenheit händeln.
Recht schnell bemerkt man den eigentlichen Grund warum Menschen Jahre nach der Evolution, immer noch das  Angeln auszuüben, es gibt viele Beschreibungen und Meinungen dazu. Ich für mich halte es für eine Form von „Glück“. Es heißt ja nicht umsonst Glückseligkeit, Glücksgefühl oder Glückskeks.
Man(n) hat das Glück, (so etwas macht und kann nicht Jeder) für sich entdeckt zu haben und es auch für sich und seine Gefühlswelt umzusetzen.
Ich gebe zu, mein 8 Jahre altes Glück mit seinen Fragen und der kindlichen Unruhe ist da sogar, so eine Art Verstärker oder Summenwandler.
Während man sich dafür entscheidet alles erdenklich Mögliche getan zu haben um den kapitalsten Fisch in welcher Form und Auftreten an meinen Haken zu locken und zu landen, kann einen die Realität schnell einholen.
In meinem Fall sind es offene Wirbel oder der beim dahinsinnieren entstandene Schnurbogen, Beides Klassiker.
Prompt kommt dazu die bemitleidende Frage vom heranwachsenden Angler, ob dieser Fisch nun sehr schlau war um den Wirbel auf zu bekommen oder wie so etwas passieren kann. Herrlich.
Sollte der Zufall es wollen, kommt ein Auto an den streng geheimen unentdeckten Platz der himmlischen Entspannung.
Dieses enttarnte Gefühl der Enttäuschung ist sicherlich den meisten bekannt.
>>ooohr nöö, jetzt wollen die hier wirklich in meinem ausgekundschafteten Angelrevier mit mischen!<< Ich vermute mal eine Vielzahl der friedfertigen Angler hegen dunkle Gedanken, wenn nicht geladene Angelgenossen ungefragt die Ruten kreuzen und die mühsam angelockten Fische verscheuchen. Reine Vermutung!
Wenn Kinder sich in Ruhe und Konzentration üben sollen, sind sie wahre Meister in der Ablenkung. Nicht selten legen sie diese lange Weile ab und man findet sich in der mündlichen Prüfung über Angelkrims-krams wieder. „was ist das? Hast du damit schon mal was gefangen?, warum klebt es so? nach was stinkt das?, Entschuldigung, wollte ich nicht!“
Selten, aber dennoch schon vorgekommen, hat die Pose in diesem Zeitraum den halben Angelplatz bereist und ist antriebslos wieder stehen geblieben.
Die unerwünschten Konkurrenz-Angler waren ein Blutjunges Liebespärchen. Genauso enttäuscht über ihren aufgeflogenen Platz der Liebe, in meinem Fall die verloren gegangenen Zweisamkeit, mit Junior Berg und den großen Norwegen Geschichten und anderem Seemannsgarn.
Während ich die verfitzten Schnüre von meinem Sohnemann und meiner Hauptschnur wieder richtete, richtete sich das Pärchen zum Sonnenbad.
Naja eigentlich zogen sie sich aus und legten sich frech grinsend zu uns auf den Angelsteg, gibt schlimmeres in solchen Momenten, zum Baden war es eh zu kalt und somit galt der Steg auch als belegt und sollten sich jetzt noch Angler einfinden, würden sie hoffentlich entmutigt wieder abziehen.
unter den eifersüchtigen Blicken des  jungen Mannes, zog ich mein Taschenmesser hervor und öffnete still zunickend ein schönes Apoldarer Bier.
Die Abneigung von Fremdanglern außerhalb der Kneipe ist ein beobachtetes Phänomen von mir, selbst Junior zeigte dieses Verhalten, als zu allem Überfluss zwei klappernde Fahrräder sich näherten.
Einheimische Knirpse, mit der Mission zu nerven! Mit klugen Ratschlägen belagerten sie Sohnemann der sich bemustert und beobachtet fühlte. Diese Präsenz von den Petrijüngern ohne Angel warfen ihn komplett aus dem Konzept, auswerfen und anschlagen misslangen durch die tuschelnde Beobachtung.
Die schmutzigen Gummistiefel beendeten die quirlige Präsenz der Boddenkids.
Als jene nämlich das zarte Fleisch der jungen Sonnenanbeterin aus Versehen streifte, war Schluss mit Lustig. Der mich die ganze Zeit misstrauisch musternde Nichtangler erhob den Oberkörper aber nur diesen und drohte während er tröstend die junge Nichtanglerin zu sich heranzog mit schweren Konsequenzen für das Fehlverhalten. Dies zeigte die erhoffte Wirkung in Form von Flucht.
Zufrieden widmeten sie sich Händchenhaltend wieder den Sonnenbad zu.
Beide machten einen zufriedenen und glücklichen Eindruck. Ahh da war es wieder, eine Form von Glück.
Bestätigt von der Zuneigung seiner Liebsten, lies er sogar die musternden Blicke von mir ab.
Rotwurm war der klare Favorit an diesem Tag, den mögen wahrscheinlich die Boddenfische, ich kam gar nicht mit aufspießen nach.
So konnte ich Sohnemann wenigstens in die ordnungsgemäße Bestückung der ACHTUNG selbstgebundenen Haken einschwören. Fasziniert von diesem Martyrium der Würmer schaute mir Miss Sonnendeck zu, während ihr Retter missbilligend seine Hosen anzog und zum Aufbruch mahnte.
„Ich glaube Sie haben da ein sehr interessantes Hobby“, mit diesem Satz hatte ich nun auch die Stimme zum nackten Frauenkörper. Bevor ich antworten konnte erfuhr ich auch den Namen, allerdings von ihrem Freund in Form von „…willst mit oder nicht?“
Hier an der Stelle könnte ich die Zeilen füllen, mit Fragen meines Sohnes zu allem Nützlichen in einem Angelkoffers und angesammelten Schrott….Lasse ich aber und drehe an der Uhr…………….
Wie ein Milan aussieht weiß ich, die Gabelweihe brütet jedes Jahr bei uns im angrenzenden Wäldchen. Ein so riesigen Greifvogel hatte ich innerhalb von Good Germany noch nie in natura gesehen, es musste ein Seeadler sein. Majestätisch kreiste er über uns. „Sohnemann du und ich haben das Glück und sehen zum aller ersten Mal, eine Majestät der Lüfte in unserem Leben.“ Mit diesen Worten stellte ich mein leeres Bier zur Seite und schickte mich an meine Angelrute ein zu holen um gemeinsam mit Sohnemann den langen Heimweg an zu treten.
„Lass uns morgen wieder unser Glück versuchen,Großer!“ –

Petri Heil und stets etwas Glück im Gepäck.
Dominik

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