«

»

Feb 28

Vorarlberg – ein Reisebericht

Welcher angelbegeisterte Familienvater kennt das nicht auch: Papa will endlich einmal richtig fischen, einen Fliegenfischerkurs mitmachen, um die Wurffehler zu korrigieren, die sich beim Selbstunterricht zwangsläufig eingeschlichen haben. Mama möchte einfach nur ausspannen, einmal keine Haushaltsarbeit um die Ohren haben, vielleicht ein bisschen Wellness und Beautypflege in Anspruch nehmen.

Das Töchterlein will reiten, der Sohnemann ein bisschen Action und Abenteuer erleben. Die Urlaubsgestaltung hat etwas von der vielzitierten eierlegenden Wollmilchsau.
So ging es auch unserer Familie im Vorfeld des Pfingsturlaubs. Da hat nun meine Frau die Angebote sogenannter Familienhotels entdeckt und gezielt durchforstet. Dabei ist sie auf das Sporthotel Beck in Brand/Vorarlberg(A) gestoßen. Das 4-Sterne – Hotel ist ein Familienbetrieb, dem eine Haflingerzucht mit Reitstall sowie ein Kälbermastbetrieb angegliedert sind. Der Juniorchef Christian Beck leitet das Hotel und ist nicht nur ein begeisterter Bogenschütze und Fliegenfischer, sondern vor allem ein richtiger Kindernarr. Die idealen Voraussetzungen, um ein derart tolles Familienbasisprogramm mit ganztägiger Kinderbetreuung anzubieten, das gegen Aufpreis noch erweitert werden kann um einen 3-Tage-Fliegenfischerkurs, Kurse im Bogenschießen, Reitunterricht, Naturerlebniscamps für Kinder, Golfsport, sowie um Wellness und Beauty-Angebote. Im Winter ist das Hotel auch eine gute Adresse für einen Familienskiurlaub. Das Angebot hält in allen Punkten, was es verspricht. Meine Familie und die meines Schwagers hatten das „Familienurlaubszuckerl“ mit Vollpension für 800,– € und ich zusätzlich den 3-Tage-Fliegenfischerkurs gebucht und waren begeistert.

Lage und Anfahrt

Das Familien- und Sporthotel Beck liegt am Ende des Brandnertals, das im Süden durch das mächtige Bergmassiv des Montafon begrenzt wird, auf dessen Gipfelkamm die Grenze zur Schweiz verläuft. Die Anfahrt erfolgt aus Richtung München über die Inntalautobahn bis Innsbruck, von dort weiter Richtung Arlbergpass / Arlbergtunnel bis Bludenz.
Aus der Stuttgarter Richtung erfolgt die Anfahrt über die Autobahn nach Bregenz und weiter nach Bludenz. Ab dort ist der 8km lange Weg in das Brandnertal ausgeschildert.

Der Fliegenfischerkurs

Die Lehrer Ewald Meyer und Alexander („Lexl“) Beck sind seit Kindertagen mit dem Juniorchef Christian Beck befreundet und wahre Meister ihres Fachs. Ewalds Faszination für das Fliegenfischen begann bereits im Jahr 1986. Seine Wege führten ihn nach Kanada, in die USA, nach England, Wales und in die Schweiz, nach Schweden, Italien und an nahezu sämtliche Fliegenstrecken Österreichs. Als Fischereiaufseher beim Breurupp in Mittersil (Tirol) befischt er regelmäßig die Salzach und ihre Nebengewässer. Auch mit seinen internationalen Erfahrungen fühlt er sich immer noch der klassischen österreichischen Tradition der Gebetsroither – Schule verpflichtet. Ewald ist ein Meister im Werfen, der sämtliche Trick – und Spezialwürfe aus dem FF beherrscht. Als begeisterter Fliegenfischer ist er natürlich auch Selbstbinder, der die Insektenwelt seiner Gewässer genauestens kennt. Alexander („Lexl“) erlernte ebenfalls 1986 das Fliegenfischen, allerdings in England nach der klassisch englischen Methode. Er ist Gewinner mehrerer Wettbewerbe im Fliegenbinden und Fischen und gehört zur „Masterclass“ des Fliegenbindens. Erfahrungen sammelte er in England, Wales, Irland, Neuseeland, Italien und natürlich auch an nahezu allen österreichischen Fliegengewässern. Ich hatte das Glück, diese beiden Cracks drei Tage lang für mich allein als Lehrer zu haben. Dass sie den Kurs auch bei nur einem einzigen angemeldeten Teilnehmer durchgeführt haben, rechne ich ihnen hoch an. Der Kurs begann gleich noch am Anreisetag mit Trockenübungen auf der Wiese. Ewald stimmte das Programm individuell auf mich ab, fragte nach meinen Schwerpunkten, die eindeutig in der Wurftechnik lagen, ließ mich mit meiner eigenen Rute werfen, um meine Wurffehler auf diese abgestimmt zu bearbeiten. Bekanntlich ist das ja der heikelste Teil bei einem Schüler, der sich auf eigene Faust eine zwangsläufig fehlerhafte Wurftechnik aus Büchern angeeignet hat. Mit einer Engelsgeduld bearbeitete Ewald meinen Arbeitswinkel beim Werfen und schaffte es, mich den Stopp beim Vorschwung gezielt setzen zu lassen, indem er sich einfach vor mich stellte und dabei riskierte, von meiner Rute den Ritterschlag zu erhalten. Schließlich stellte sich endlich beim Vorwärtsschwung die schöne, enge Schlaufe ein und die Schnur begann zu schießen. Mit einem Mal begann ich, die Aktion meines Gerätes zu spüren, diese mit immer geringerem Kraftaufwand für mich arbeiten zu lassen, so dass die Wurfweiten, die ich mit meiner DT6F – Schnur erzielte, immer größer wurden und die Schnur sich in einer geraden Linie ablegte. Ich war happy. Abends nahm sich Ewald bei einem Bier an der Hotelbar meine Schnur vor. Er zeigte mir, wie ich die Übergänge von Hauptschnur zum Vorfach und von der Hauptschnur zum Backing optimal gestalten kann, so dass ein optimales Abrollen des Vorfachs beim Service gewährleistet ist. Ich erlernte Knoten, die ich vorher noch nirgendwo in Anleitungen gesehen habe. Am nächsten Tag gab es zwei Einheiten auf der grünen Wiese. Vormittags ging es abermals – und nun mit optimalen Schnurübergängen – ans Feilen an der Wurftechnik. Nun erlernte ich, die Zugunterstützung im rechten Moment einzusetzen und die Aktion der Rute voll auszunutzen. Die Schnur begann immer stärker zu schießen, bis Ewald meinte: „Itz hasch e Dischtanz, uf dere wo’sch scho gued fische kaasch.“ Wie gut, dass ich den Vorarlberger Dialekt, der dem Schwytzerdütsch sehr ähnelt, einigermaßen verstehen konnte!
Danach gab es hausaufgaben bis zur zweiten Einheit: „Werfe, werfe, werfe… Und luege, daschd bim Vorschwung de Stopp ordentli setzescht!“
Motiviert durch meine Erfolgserlebnisse trainierte ich also eifrig. Am Nachmittag dann brachte mir Ewald noch einige grundlegende Wurfvarianten bei: Rollwurf, Backhand, Backhand-Rollwurf, Airmending, Bogenwurf. “ Morge darfsch alles am Wasser umsetze… Ziel isch, dasch oin Fisch fangschd.“ Der Abend war gefüllt mit dem Binden der richtigen Fliegen für den Beschling-See. Wie mir Ewald schilderte, seien die Fische an diesem kleinen See extrem kampfstark und sehr selektiv. Doch für Lexl, der nun mit seiner Bindekunst in Aktion trat, sind solche Voraussetzungen der ideale Anreiz. Nachdem ich zunächst unter Ewalds Anleitung ein paar Fluorgoldkopfnymphen gebunden hatte, erteilte mir Lexl Anleitungen zum Binden der passenden Trockenfliegen. „Z’erschd de Wiederhoka adrücke!“ – „Am Beschling isch makschimal Hokagröß 12 erlaubt“. Nach diesen Präliminarien hörte ich nun oft Lexl’s Standardspruch: „Da gibt es nun einen kleinen Trick.“ – egal ob beim Einbinden des Hechelfibernschwänzchens, beim Anwinden des Dubbings, beim Formen der Hechel oder beim abschließenden Lackieren des Abschlussknotens.“ Lexls „kleine Tricks“ sind sehr hilfreich. Mit ihnen erlernte ich sogar, mit dem Whip-Finisher umzugehen, Dubbing ohne jegliches Dubbing-Wachs anzuwinden, Hechelkränze absolut senkrecht zu binden (der „kleine Trick“: zwei gleich große Hecheln mit der Innenseite aneinander legen, dass sie sich gegenseitig hochdrücken), Flügel nachzugestalten und die Fliege so zu lackieren, dass das Öhr zwangsläufig frei bleibt und der Lack die Hechel mit fixiert (der „kleine Trick“: Fliege sekrecht einspannen, so dass das Öhr nach oben zeigt). Als ich schon hochbeglückt waqr über meine Bindeerfolge, zeigte mir Lexl dann seine Meisterstücke, die mich auf den Boden der Tatsachen zurück brachten: wahre Meisterwerke der Bindekunst, von denen er mir dann großzügigerweise einige schenkte – „für morge und als Muschder zum Nochbinde“.
Am nächsten Morgen ging es dann gleich in der Frühe ans Wasser. Da das Traumgewässer, der Lüner See, ein Forellensee auf 2000m Seehöhe, wegen der im Mai noch arktischen Wetterverhältnisse in diesen Höhenregionen des Montafons noch unbefischbar war, sollte es an den Beschlingsee gehen. Das Guiding und den Unterricht am Wasser übernahm Lexl. Es sollte trotz Nieselregens und kaltem Wind ein wunderbarer Tag für mich werden. Am kristallklaren, bis zu 16m tiefen See sahen wir die Fische stehen: Regenbogner, Saiblinge in stattlicher Größe, mit beachtlich großen Flossen, die ihre Kampfstärke erahnen ließen. Nur vereinzelt sah man sie nach Fliegen steigen. „Mir probiere trotschdem d’Trockenflieg“, ermunterte mich Lexl und reichte mir eine seiner CDC-Fliegen. Diese wurde – „ganz wichtig“ – ans entfettete Fluorocabonvorfach geknotet. Das Entfetten ist ein weiterer von Lexls „kleinen Tricks“. Das Vorfach muss nach dem Auswerfen ganz in den Wasserfilm gezogen werden. Erst dann wird es für die misstrauischen Fische unsichtbar, und die FLiege kann fischen. Dann ging es ans Werk. Da Lexl – wie auch Ewald – Linkshänder ist, konnten wir problemlos nebeneinander werfen. Zunächst ein paar Rollwürfe mit dem Wind. Damit es dann an der windzugewandten Seite, wo im Rücken ein hoher Damm keinen Rückschwung erlaubt, umso besser klappen sollte. Schon die ersten Würfe zeigten, wie heikel die Fische in diesem Gewässer sind. Vereinzelt stiegen sie nach der Fliege, drehten aber kurz davor ab. So vergingen die ersten beiden Stunden. Danach begannen wir, den See mit Ewalds Fluornymphen zu umrunden. Dass diese ein fängiges Muster sind, zeigte sich mir daran, dass die zahlreichen Pfrillen (Elritzen) sich sofort auf sie stürzten und sich wie die Strahlen eines Sterns um sie sammelten. Leider gab es bei den Forellen nur ein paar spärliche Nachläufer, auch an der Windseite, wo sie sehr nah am Ufer standen. Nun führte mich Lexl an das mit mehreren Erlen bestandene Nordufer. Hier waren ein paar spärliche Insektenschlupfe zu beobachten. Wieder Trockenfliege montieren und los ging’s: Backhandwürfe zwischen die Baumkronen hindurch bis an die Kante, wo der Wind das Wasser zu kräuseln begann. Wieder stieg vereinzelt eine der Regenbogner nach der Fliege. Aber jetzt kam es zu einzelnen Attacken. „Lueg, du hasch e Biss!“ hörte ich Lexl noch rufen, aber der Anhieb ging ins Leere. Es war nur ein etwas neugierigerer Nachläufer, der ganz spitz gebissen hatte. Aber die Fliege war auf jeden Fall die passende. Also: Immer wieder neu präsentieren. Lexl fischte nun etwas weiter weg von mir, konnte zwei schöne Regenbogner landen und – der Catch and Release Praxis der Fliegenfischerprofis entsprechend – im Wasser gleich wieder abhaken. Nun aber ging auch bei mir der Knoten auf. Fast senkrecht stieg aus fast 5m Tiefe eine große Regenbogenforelle auf und nahm mit einem heftigen Schwall meine Trockenfliege. Ganz sachter Anhieb – sitzt! Es folgte ein sehr heftiger Drill von ca. zwei Minuten, dann hatte Lexl die 35cm lange Regenbogenforelle für mich gekeschert. Ich war total happy. Das Ziel, das Ewald mir vorgegeben hatte, war erreicht: ein Fisch war gefangen.
War es Dankbarkeit meinen Lehrern gegenüber, war es die Anpassung an die ortsüblichen Verhältnisse, war es die Zuversicht, dass nun mehr Fänge folgen würden? – Jedenfalls hörte ich mich zu Lexl sagen: „Als Geistlicher soll man nicht abergläubisch sein. Aber den ersten Fisch setzen wir zurück.“ Ich bückte mich nach dem Kescher, köderte den Fisch mit einem ganz sachten Ruck vom widerhakenlosen Haken ab und schaute zufrieden zu, wie Lexl sie mit dem Kescher wieder zurücksetzte. Übers ganze Gesicht strahlend kam er danach auf mich zu, drückte mir die Hand und meinte: „Petri Heil, Bär, zu deinem ersten Fisch!“ Nun ließ Lexl mich mein Glück ganz alleine versuchen. Jeder warf ganz für sich. Lexl war in seinem Element. Es mussten wohl fünf oder sechs Fische sein, die er fing und wieder zurücksetzte. Ich probierte, es ihm wenigstens annähernd gleich zu tun. Nach etlichen Nachläufern hatte ich um 15.00 h dann den nächsten Biss.
Eine sehr kampfstarke große Regenbogenforelle hing an der Trockenfliege. Der Drill war ein Genuss. Und diesmal nahm ich die Beute mit: 37cm war das Maß. Zehn Minuten später konnte ich die zweite Regenbogenforelle mit 35cm keschern. Ich nahm sie für meine Frau mit, die mir diesen Tag freigegeben hatte. „Was jetzt noch beißt, darf wieder schwimmen“, meinte ich zu Lexl, der mir zu beiden Fischen „Petri Heil“ wünschen kam. Und es biss in der Tat noch zweimal. Die eine Regenbogenforelle schüttelte sich allerdings kurz vor dem Abködern selber ab, die andere wurde dicht am Ufer released. Was sollte ich auch mit mehr als zwei Fischen in einem Hotel mit Vollpension?
Lexl hatte inzwischen noch einmal das gesamte Nordufer abgefischt und noch 9 Fische auf einen unfreiwilligen kurzen Landgang geschickt, bevor wir gegen 16.15h die Ruten einpackten und die Heimfahrt ins Hotel antraten. Dort gab ich meine Beute in der Küche ab. Sie wurden uns am nächsten Mittag nach Müllerin Art vom Küchenchef zubereitet. Meiner Frau und den Kindern haben sie vorzüglich geschmeckt.
Am Abend gab es dann einen zünftigen Abschluss des Kurses mit beiden Lehrern an der Hotelbar. Ich wurde von Lexl und Alex als gelehriger Schüler gelobt und versprach Ihnen, ihren Kurs im AO-Board in höchsten Tönen zu loben – was er ohne jede Übertreibung auch verdient.

Und das Ganze mit der Familie…

Nach zwei weiteren Urlaubstagen ohne Fischen mit der Familie traten wir gut erholt die Heimreise an.
Wir hatten im Familienhotel Beck tatsächlich die Möglichkeit eines Familienurlaubs gefunden, die all den kontroversen Interessen der Familienmitglieder gerecht geworden war. Papa konnte Fliegenfischen. Mama hat sich ohne jeden Haushaltsstress dank 10 Stunden Kinderbetreuung (die sie natürlich für den 2-jährigen Sohn nicht in vollem Umfang in Anspruch genommen hat) ein bisschen mit Wellness verwöhnen lassen können, die fünfjährige Tochter hat sich in der Kindergruppe sehr wohl gefühlt und hat ein bisschen Reiten gelernt. Und für gemeinsame Unternehmungen der beiden Familien blieb auch noch sehr viel Zeit. Ein rundum gelungener Kurzurlaub, den wir nur weiterempfehlen können.

Gerhard Prell

Schreibe einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen